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2020

Wesentliches auf den zweiten Blick

Geht es Ihnen auch so? Man sieht etwas und findet es spontan anziehend. Manchmal möchten wir mehr darüber erfahren und machen uns auf die innere wie äußere Suche. „Was sehe ich, was du nicht siehst“, heißt es in einem alten Kinderreim. Und so kommen oft sehr unterschiedliche Anschauungen zutage, die wir mit persönlichem Geschmack und eigener Erfahrung bewerten.

So geht es mir schon seit längerer Zeit mit der Schmuckidee von Doris. Nicht etwa, weil ich als Ehemann mit dem Thema stark vertraut bin. Nein…, mich hat vielmehr die spannende Geschichte nachdenklich gemacht, die hinter der Idee und Umsetzung steht. Mir fiel auf, dass eisenhart der Schmuck etwas mit dem bauhaus zu tun hat. Nicht etwa in der Formgestaltung, sondern in der inhaltlichen Ausrichtung. Damit will ich keinen überhöhten oder gar anmaßenden Vergleich ziehen, aber ich möchte auf Bezugspunkte aufmerksam machen. Wie begründe ich das?

Gropius ließ die Arbeitsweise der „mittelalterlichen Bauhütten“ wieder auferstehen. Dabei wollte er handwerkliche Fähigkeiten und künstlerische Gestaltung   gleichberechtigt zusammenbringen. Es galt für ihn den Unterschied von Handwerk und Kunst aufzuheben. Durch das Zusammenwirken beider Leistungsbereiche in einem Objekt sollte eine neue Formgebung in neuer Ästhetik entstehen. Dazu brachte er beispielsweise örtliche Handwerkmeister wie Helene Börner und Reinhold Weidemann als „Werkmeister“ mit exaltierten Künstlern wie Johannes Itten oder Oskar Schlemmer als „Formmeister“ zusammen Sie standen den studierenden jungen Menschen als Lehrkräfte – besser gesagt als Meister – zur Seite.

Auf diesen zentralen Aspekt bauhäuslicher Sicht- und Arbeitsweise möchte ich mich auch bei eisenhart der Schmuck einlassen. Nicht jede oder jeder muss dem folgen. Doch schauen wir, wofür diese Idee letztendlich steht: historische Eisenguss- und Schmiedefertigkeit sowie archaische Bildsprache mit moderner Designgestaltung neu zu interpretieren. Und es vor allem auch zu zeigen.

Das bauhaus vermittelt nach 100 Jahren immer noch und aktuell maßgebliche Anregungen und bleibt avantgardistischer Impulsgeber in weite Schaffens- und Lebensbereiche hinein. Es lässt mit seiner inhaltlich betonten Formgebung Wesentliches zum Eigentlichen werden. Deshalb finden wir oft, vielleicht ganz unbewusst gewollt, Ideen des bauhauses im täglichen Leben wieder. Weil gerade im unübersichtlichen Überfluss unverwechselbare Zeichen ihren ganz besonderen Reiz haben. Das bauhaus brach Regeln, wie eisenhart der Schmuck. Nur so kommen wir weiter, wenn wir Tradition weiterdenken in neuer zukunftsfähigen Wertigkeit.

Norbert Preusche